27.01.2023

CONMAR dringt in die Nordsee vor ─ erste Probenahme von Fischen an den Munitionsdeponien der Äußeren Jade

Laut Archivrecherchen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg enorme Mengen an Munition (>300 000 t, amucad.org ) im nördlichen Jademündungsgebiet verklappt. Aufgrund der fortschreitenden Korrosion der versenkten Munition ist mit dem Austritt schädlicher Munitionsverbindungen in die Meeresumwelt zu rechnen. Ziel der SOLEA-Fahrt 816 vom 16. bis 27. Januar 2023 ( Bild 1) war die historisch erste Beprobung von Fischen (Kliesche, Limanda limanda) und Wasserproben auf Munitionsbestandteile in unmittelbarer Nähe, der in der Nordsee versenkten Munition (siehe Übersichtskarte). Vor Beginn der Fahrt erhielten die Besatzungsmitglieder und wissenschaftlichen Mitarbeiter eine Einweisung durch den niedersächsischen Kampfmittelräumdienst. Erfahrene Kampfmittelräumer erklärten, wie mit Munition umzugehen ist, die mit Grundschleppnetzen geborgen werden könnte, und überließen Behälter für die Aufbewahrung von Munitionsgegenständen an Bord (Bild 2). Wegen eines schweren Sturms verzögerte sich der Start der Fahrt von Cuxhaven aus um einen Tag. Die erste Beprobung am Scharhörn-Riff wurde durch schlechtes Wetter und die Seekrankheit der Hälfte des wissenschaftlichen Personals erschwert. Die Beprobung wurde in der äußeren Jaderegion in der Nähe der versenkten Munition fortgesetzt. So konnten 30 Klieschen erfolgreich untersucht und auf Körperflüssigkeiten (Blut, Urin, Galle) und Gewebe (Leber, Milz, Niere, Muskeln, Kiemen) beprobt werden, um sie später im Labor auf Munitionsrückstände wie TNT (Trinitrotoluol) zu untersuchen. Schlechtes Wetter und technische Probleme zwangen uns, im Hafen von Wilhelmshaven Schutz zu suchen. Dank der hohen Professionalität der Besatzung, wurde die Fahrt alsbald fortgesetzt und weitere Stellen rund um die Jademündung sowie weiter westlich entlang der deutschen Küste bis zur Emsmündung beprobt. Auf dem Rückweg nach Cuxhaven wurde bei der letzten Beprobung in der Jademündung ein korrodiertes Stück Munition gefunden: der untere Teil einer Munitionshülse vom Kaliber 8,8cm, die noch Reste des Treibmittels enthielt, was darauf hindeutet, dass es sich um versenkte (nicht entladene) Munition handelt (Bild 3). Die äußerliche Untersuchung der Fische auf Krankheiten direkt an Bord zeigt keine Auffälligkeiten zu den Klieschen, die in der Nähe von Munitionsdeponien gesammelt wurden, im Vergleich zu Kontrollstellen ohne versenkte Munition. Die Wasser- und Fischproben wurden an die beteiligten Labore (AWI, GEOMAR, UKSH, Thünen) weitergeleitet und werden derzeit für die chemische Analyse von möglichen Munitionsrückständen aufbereitet. Die Laboranalysen werden Aufschluss darüber geben, ob und in welchem Umfang Fische mit Munitionsrückständen kontaminiert sind.

Jörn Scharsack, Thünen